Verhaltenssucht: Wenn ein Verhalten süchtig macht
Eine Verhaltenssucht ist eine Abhängigkeit von einem Verhalten statt von einer Substanz. Die ICD-11 der WHO erkennt die Glücksspielstörung und die Computerspielstörung an; ob etwa Kaufsucht dazugehört, ist in der Forschung umstritten.
Eine Verhaltenssucht ist eine Abhängigkeit von einem Verhalten statt von einer Substanz, zum Beispiel vom Glücksspiel oder vom Computerspielen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von Störungen durch Suchtverhalten. Gemeint sind erkennbare, klinisch bedeutsame Beschwerdebilder, die mit Leiden oder Einschränkungen im Alltag einhergehen und sich aus wiederholtem, belohnendem Verhalten entwickeln, ohne dass ein suchterzeugender Stoff im Spiel ist [1]. Im Deutschen ist auch der Ausdruck nicht stoffgebundene Sucht verbreitet.
Was die ICD-11 als Verhaltenssucht anerkennt
In der ICD-11, der neuen Klassifikation der WHO, stehen in dieser Gruppe zwei Diagnosen: die Glücksspielstörung und die Computerspielstörung (Gaming Disorder). Die Glücksspielstörung war schon in älteren Klassifikationen enthalten. Die Computerspielstörung kam mit der ICD-11 neu dazu; die Weltgesundheitsversammlung hat diese Revision 2019 gebilligt [1].
Für die Glücksspielstörung nennt die WHO drei Merkmale: Du verlierst die Kontrolle über das Spielen, es bekommt immer mehr Vorrang vor anderen Lebensbereichen, und du spielst weiter, obwohl es dir schadet [2]. Die WHO weist darauf hin, dass die Glücksspielstörung im amerikanischen DSM-5 und in der ICD-11 zusammen mit den Störungen durch Substanzgebrauch eingeordnet ist. Nach ihren Schätzungen haben weltweit etwa 1,2 Prozent der Erwachsenen eine Glücksspielstörung. Am besten belegt sind eine längerfristige kognitive Verhaltenstherapie und die motivierende Gesprächsführung [2]. Schäden durch Glücksspiel entstehen laut WHO auch weit unterhalb der Schwelle zur Diagnose. Weltweit erleben etwa 5,5 Prozent der Frauen und 11,9 Prozent der Männer in irgendeiner Form Schäden durch Glücksspiel [2].
Kaufen, Pornografie und soziale Netzwerke
Ob weitere Verhaltensweisen als Sucht gelten sollen, ist in der Forschung umstritten. Die ICD-11 hat dafür eine Restkategorie für andere näher bezeichnete Störungen durch Suchtverhalten. Eine internationale Gruppe um den Psychologen Matthias Brand hat Kriterien vorgeschlagen, nach denen ein Verhalten dort eingeordnet werden könnte: klinische Bedeutung, eine Erklärung durch heutige Suchttheorien und ausreichende Befunde aus Studien [3]. Für problematischen Pornografiekonsum, Kaufsucht und die problematische Nutzung sozialer Netzwerke sah die Gruppe unterschiedlich starke Belege [3]. Sie mahnt, Alltagsverhalten nicht vorschnell zur Krankheit zu erklären und klinisch bedeutsame Probleme trotzdem ernst zu nehmen [3].
Selbsteinschätzung und Hilfe
Viele Begriffe aus der Suchtmedizin passen auch hier, etwa Kontrollverlust und der wachsende Stellenwert des Verhaltens. Was mit dem starken Verlangen nach einem Suchtmittel gemeint ist, erklärt der Eintrag Craving. Wenn du dein eigenes Verhalten einordnen möchtest, helfen der Glücksspiel-Test, der Gaming-Check oder der Ratgeber Kaufsucht. Bei Problemen mit Glücksspiel berät das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) kostenfrei unter 0800 1 37 27 00.
- Behörde Addictive behaviour (Health topic). Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand ohne Datum. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Gambling (Fact sheet). Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand 02.12.2024. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Which conditions should be considered as disorders in the International Classification of Diseases (ICD-11) designation of "other specified disorders due to addictive behaviors"? Journal of Behavioral Addictions 11(2):150 bis 159. Brand M, Rumpf HJ, Demetrovics Z u. a.. Stand online 30.06.2020, Druck 2022. abgerufen am 28.10.2026
Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.
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