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ADHS bei Erwachsenen: Symptome erkennen und abklären lassen

Typische Symptome von ADHS bei Erwachsenen sind Probleme, Alltag und Arbeit zu organisieren, Termine einzuhalten und bei einer Aufgabe zu bleiben, dazu innere Unruhe, Impulsivität und Schwierigkeiten, Gefühle zu regulieren. Für eine Diagnose müssen die Auffälligkeiten schon in der Kindheit begonnen haben und das Leben in mehreren Bereichen deutlich beeinträchtigen. Abklären lassen kannst du das in einer psychiatrischen oder psychotherapeutischen Praxis.

Die Symptome einer ADHS bei Erwachsenen sehen oft anders aus als das Bild vom Kind, das nicht stillsitzen kann. Viele Erwachsene mit ADHS kämpfen vor allem mit dem Organisieren von Alltag und Arbeit, mit Terminen und mit Aufgaben, die lange Konzentration verlangen. Dazu kommen innere Unruhe, vorschnelle Entscheidungen und Gefühle, die schnell umschlagen [2]. Diese Seite beschreibt, welche Anzeichen typisch sind, wann Fachleute von einer Störung sprechen und wie die Diagnose abläuft. Ob die typischen Beschwerden bei dir häufig vorkommen, kannst du vorab mit dem ADHS-Test für Erwachsene einschätzen.

Was ADHS ist und warum sie bei Erwachsenen anders aussieht

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Sie beginnt in der Kindheit und bleibt oft bis ins Erwachsenenalter bestehen [5]. Bei vielen werden die Beschwerden mit den Jahren schwächer. Von den Erwachsenen, die als Kind eine ADHS hatten, haben 50 bis 80 Prozent zumindest teilweise noch Beschwerden. Etwa 15 Prozent erfüllen als Erwachsene noch alle Kriterien für die Diagnose [5].

Die Hyperaktivität geht häufig zurück. Ältere Jugendliche und Erwachsene sind oft weniger zappelig als früher, spüren aber eine innere Unruhe oder Rastlosigkeit [5]. Im Vordergrund stehen dann Unaufmerksamkeit und Probleme, die eigenen Gefühle zu regulieren [2]. Weil ADHS lange als Problem des Kindesalters galt, gibt es für Erwachsene weniger Beratungs- und Behandlungsangebote als für Kinder und Jugendliche. Bei manchen wird die ADHS erst im Erwachsenenalter festgestellt [2].

Typische Symptome bei Erwachsenen

Fachleute ordnen die Anzeichen drei Kernbereichen zu: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität [3]. Wie sich das bei Erwachsenen äußern kann, fasst die Tabelle zusammen.

Mann Anfang dreißig sucht morgens im Mantel zwischen Papieren und Kaffeetasse auf dem Küchentisch seinen Schlüssel
Bild: KI-generiert
BereichWie es sich bei Erwachsenen zeigen kannBeleg
Aufmerksamkeit und OrganisationMühe, Alltag oder Arbeit zu organisieren, sich längere Zeit auf Aufgaben zu konzentrieren und Termine einzuhalten; Tätigkeiten werden verschoben, Termine vergessen, Dinge verlegt[2, 5]
Unruheweniger sichtbare Hyperaktivität als in der Kindheit, dafür häufig innere Unruhe oder Rastlosigkeit[5]
Impulsivitätviel reden und andere oft unterbrechen, schnell Ärger bekommen, Beziehungen voreilig beenden, von jetzt auf gleich den Job wechseln oder kündigen, rücksichtsloses Fahren im Straßenverkehr[2]
Gefühleleicht reizbar, geringe Frustrationstoleranz; unter Stress fällt es schwer, Pflichten zu erfüllen[2]
ZieleSchwierigkeiten, sich Ziele zu setzen und sie zu erreichen[2]

Jedes dieser Anzeichen kennen viele Menschen aus stressigen Wochen. Bei Kindern betont das IQWiG, dass Unaufmerksamkeit und Unruhe bis zu einem gewissen Grad normal sind und erst ein Ausmaß, das sich deutlich von Gleichaltrigen unterscheidet, auf eine ADHS hinweist [6]. Für Erwachsene gilt dieselbe Logik: Entscheidend ist, wie stark, wie dauerhaft und in wie vielen Lebensbereichen die Beschwerden auftreten. Konzentrationsprobleme haben außerdem viele Ursachen. Wenn vor allem Müdigkeit dahintersteckt, hilft dir vielleicht der Konzentrations-Check weiter.

Wann aus Eigenheiten eine Störung wird

Die Kriterien für eine Diagnose sind bei Erwachsenen im Prinzip dieselben wie bei Kindern. Eine ADHS wird festgestellt, wenn die Auffälligkeiten in der Kindheit begonnen haben, mindestens sechs Anzeichen von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität vorliegen, in mehr als einem Lebensbereich Probleme bestehen und das soziale oder berufliche Leben stark beeinträchtigt ist [2]. Außerdem müssen die Auffälligkeiten mindestens sechs Monate bestehen, und andere psychische Erkrankungen müssen als Ursache ausgeschlossen sein [3].

Die beiden großen Diagnosesysteme unterscheiden sich dabei. Die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) der WHO ist strenger: Sie verlangt Auffälligkeiten in allen drei Bereichen und einen Beginn vor dem siebten Geburtstag. Das amerikanische DSM lässt sechs Anzeichen von Unaufmerksamkeit oder von Hyperaktivität und Impulsivität genügen und verlangt einen Beginn vor dem zwölften Geburtstag [3]. In der neuen ICD-11 heißt die Störung offiziell Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und übernimmt die drei Erscheinungsbilder des DSM-5: vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv oder gemischt. Weil die übergeordnete Gruppe "Störungen mit Beginn in Kindheit und Jugend" wegfällt, wird die Diagnose im Erwachsenenalter leichter [1]. Für die Abrechnung mit den Krankenkassen gilt in Deutschland vorerst weiter die ICD-10-GM [1].

Eine feste Grenze gibt es nicht. Die S3-Leitlinie hält fest, dass sich ADHS-Symptome in der Bevölkerung entlang eines Kontinuums verteilen und dass sich ein allgemeiner Grenzwert für die Symptomstärke, ab dem eine Beeinträchtigung vorliegt, nicht bestimmen lässt [1]. Deshalb braucht es für die Diagnose ein ausführliches Gespräch.

Wie häufig ADHS bei Erwachsenen ist

Die Zahlen schwanken je nach Alter, Diagnosekriterien und Datenquelle [1]. Weltweite Schätzungen für Erwachsene liegen bei 2,58 Prozent, nach den Kriterien des DSM-IV bei 2,8 Prozent. In Abrechnungsdaten aus Deutschland hatten 2014 dagegen nur 0,4 Prozent der 18- bis 69-Jährigen eine ADHS-Diagnose. Neuere Studien schätzen den Anteil bei 40- bis 59-Jährigen auf 3,1 Prozent und bei 60- bis 80-Jährigen auf 2,1 Prozent [1].

Gleichzeitig wird über Fehldiagnosen gestritten. Kritiker vermuten, dass es sich bei den häufiger gestellten Diagnosen zum Teil um Fehldiagnosen handelt, etwa bei Kindern, die unruhig, aber sonst gesund sind [5]. Laut IQWiG geht es in der Debatte nicht darum, ob es ADHS gibt. Diskutiert wird, welche Ausprägung als behandlungsbedürftig gelten soll [3]. Eine sorgfältige Diagnose ist auch deshalb wichtig, damit es nicht zu unnötigen oder falschen Behandlungen kommt [2].

Was sonst dahinterstecken kann

Bei der Abklärung geht es auch darum, andere Erkrankungen auszuschließen, die die Beschwerden erklären könnten. Manchmal wird eine ADHS für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung gehalten, und auch eine bipolare Störung kann mit ADHS verwechselt werden [2]. Wenn die Beschwerden nur in einem Lebensbereich auftreten, etwa nur bei der Arbeit oder nur in der Familie, kann das laut Leitlinie auf eine andere psychische Störung hinweisen [1].

Viele Menschen mit ADHS haben zusätzlich Begleiterkrankungen, etwa Depressionen, eine Tic-Störung oder eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Viele Erwachsene mit ADHS berichten von wenig Selbstbewusstsein, manche entwickeln deshalb eine Depression. Alkohol oder Drogen können ein Versuch sein, die Probleme einer ADHS zu bewältigen [2]. Die Leitlinie empfiehlt, bei Menschen mit ADHS, die eine Behandlung beginnen, routinemäßig nach Problemen mit Substanzkonsum zu fragen. Umgekehrt wird bei Menschen, die wegen einer Suchterkrankung Behandlung suchen, ein routinemäßiges Screening auf ADHS empfohlen [1]. Wenn deine Stimmung seit Wochen gedrückt ist, kann der Depressions-Test eine erste Einschätzung geben.

So läuft die Diagnose bei Erwachsenen ab

Erwachsene, die bei sich eine ADHS vermuten, können sich an eine Praxis für Psychiatrie oder Psychotherapie wenden [5]. Die Leitlinie nennt für die Abklärung Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie, psychosomatische Medizin oder Nervenheilkunde sowie ärztliche und psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten [1]. Es kann dauern, bis du einen Termin bekommst [2]. Tipps dazu stehen im Ratgeber Therapieplatz finden.

Frau Ende zwanzig sitzt in einer hellen Praxis einem Psychotherapeuten in den Fünfzigern im Sessel gegenüber
Bild: KI-generiert

Die Diagnose beruht vor allem auf einem ausführlichen Gespräch. Gefragt wird nach deinen heutigen Beschwerden in Familie, Beruf und Freizeit, nach den Folgen für deinen Alltag, nach weiteren psychischen oder körperlichen Beschwerden, nach dem Verlauf seit der Kindheit und danach, ob ADHS in deiner Familie vorkommt. Dazu gehört eine körperliche und neurologische Untersuchung [1]. Stellt eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut die Diagnose, sollte die körperliche Untersuchung zusätzlich eine Ärztin oder ein Arzt übernehmen [1]. Die Angaben von Menschen, die dich gut kennen, sollen nach Möglichkeit mit deinen eigenen abgeglichen werden [1].

Fragebögen zur Selbst- und Fremdbeurteilung können das Gespräch ergänzen [1]. Für Menschen, die als Kind nie eine Diagnose bekommen haben, gibt es einen speziellen Fragebogen, der hilft, die Diagnose rückblickend zu stellen. Laut IQWiG ist diese rückblickende Diagnose Voraussetzung dafür, dass Ärztinnen und Ärzte Medikamente verordnen dürfen [2]. Ein Selbsttest wie der ASRS-Screener kann den Anstoß geben. Sein Ergebnis ersetzt keine Diagnose, auf ein positives Screening muss eine Abklärung durch geschulte Fachleute folgen [7]. Was du nach einem auffälligen Ergebnis konkret tun kannst, beschreibt der Ratgeber Auffälliges Testergebnis: Wie geht es weiter?.

Behandlung und Alltag

Welche Behandlung für Erwachsene sinnvoll ist, hängt von der persönlichen Situation und den Problemen ab. Viele suchen sich eigene Strategien. Manche probieren Entspannungstechniken aus, suchen Unterstützung in Selbsthilfegruppen oder empfinden Sport als Ausgleich [4]. Im Alltag helfen manchen ein genau geplanter Tag mit Erinnerungslisten, Aufgaben in kleinen Schritten, Erinnerungshilfen an der Haustür oder im Auto und feste Plätze für Schlüssel und Geldbörse [2].

Frau in den Vierzigern hängt im Flur neben der Haustür ihren Schlüssel an einen Haken unter einer Pinnwand
Bild: KI-generiert

Wenn das nicht reicht, kommen Medikamente, Psychotherapie oder beides infrage [4]. Die Leitlinie empfiehlt, allen Erwachsenen mit der Diagnose eine Aufklärung über die Erkrankung anzubieten, die sogenannte Psychoedukation. Eine Psychotherapie soll vor allem praktische Techniken vermitteln, etwa zum Lösen von Problemen, gegen Ablenkbarkeit und zum Umgang mit Stress und Gefühlen. Die meisten Belege gibt es für verhaltenstherapeutische Verfahren [1]. Als Medikamente nennt die Leitlinie Stimulanzien und einige andere Wirkstoffe; beginnen soll die Behandlung eine entsprechend qualifizierte Fachärztin oder ein Facharzt [1]. Laut IQWiG ist das am häufigsten eingesetzte Mittel bei Erwachsenen weniger gut untersucht als bei Kindern, und vor einer Verordnung wird die Herzgesundheit geprüft [4]. Neu ist die Empfehlung, Erwachsenen im Rahmen der Behandlung Sport- und Bewegungsangebote zu machen [1].

Ob du am Arbeitsplatz von deiner Diagnose erzählst, ist eine persönliche Abwägung. Viele behalten sie für sich, aus Angst vor Nachteilen. Andererseits kann es auf Dauer anstrengend sein, eine Erkrankung zu verstecken, und ohne Offenheit lassen sich manche Hilfen nicht beantragen. In größeren Firmen kannst du dich zunächst vertraulich an den Betriebsrat oder den betriebsärztlichen Dienst wenden [2]. Für Jugendliche unter 18 gibt es bei uns einen eigenen ADHS-Check für Jugendliche.

  1. Leitlinie Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte S3-Leitlinie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Version 2.0, Langfassung (AWMF-Register-Nr. 028-045). AWMF; Koordination Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim. Stand 2026. abgerufen am 28.10.2026
  2. Behörde ADHS bei Erwachsenen. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 04.05.2022. abgerufen am 28.10.2026
  3. Behörde ADHS: Wie wird die Diagnose gestellt?. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 04.05.2022. abgerufen am 28.10.2026
  4. Behörde Behandlung von ADHS bei Erwachsenen. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 04.05.2022. abgerufen am 28.10.2026
  5. Behörde ADHS. gesund.bund.de, Bundesministerium für Gesundheit, in Zusammenarbeit mit dem IQWiG. Stand 21.10.2022. abgerufen am 28.10.2026
  6. Behörde Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 04.05.2022. abgerufen am 28.10.2026
  7. Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS) Version 1.1: Background Information. Harvard Medical School, National Comorbidity Survey. Stand 2023. abgerufen am 28.10.2026

Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.

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