Ratgeber

Mit Depression oder psychischen Problemen zum Hausarzt

Mit einer Depression oder anderen seelischen Beschwerden kannst du ohne Bedenken zuerst in deine Hausarztpraxis gehen. Dort fragt man nach deinen Beschwerden, schließt körperliche Ursachen aus und behandelt leichte bis mittelschwere Depressionen oft selbst. Bei schweren, wiederkehrenden oder unklaren Verläufen überweist die Praxis an Psychiatrie oder Psychotherapie.

Bei einer Depression ist der Hausarzt oder die Hausärztin für die meisten Menschen die erste Anlaufstelle, und das gilt auch für andere seelische Beschwerden [3]. Die Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) zur Depression zählt Depressionen zu den fünf häufigsten Krankheiten in der Hausarztpraxis. Der größte Teil aller Depressionsdiagnosen wird nur dort gestellt [1]. Du kannst dich zwar auch direkt an eine psychotherapeutische Praxis wenden, für das Erstgespräch brauchst du keine Überweisung [3]. Viele beginnen aber lieber bei jemandem, den sie schon kennen. Hier liest du, wie das Gespräch abläuft, was die Praxis selbst behandeln kann, wann sie überweist und was bei einer Krankschreibung gilt.

Warum die Hausarztpraxis ein guter erster Schritt ist

Die Patientenleitlinie zur Depression beschreibt die Hausarztpraxis als erste Anlaufstelle für alle kranken Menschen. Deine Hausärztin kann eine Behandlung einleiten und für dich eine Art Lotse durch das Gesundheitssystem sein. Das hilft besonders, wenn sie dich lange kennt, dein Lebensumfeld einschätzen kann oder dich schon wegen anderer Erkrankungen behandelt [2]. Auch die Fachleitlinie sieht Hausärztinnen und Hausärzte oft als erstes Glied der Versorgung. Sie begleiten Menschen über Jahre, beraten zu Psychotherapie und Facharztbehandlung und koordinieren die weiteren Schritte [1].

Ein zweiter Grund: Seelische Belastungen zeigen sich oft zuerst im Körper. Laut NVL berichten Betroffene selten von sich aus über die typischen Kernsymptome einer Depression. Häufiger kommen sie mit Erschöpfung und Kraftlosigkeit, Schlafstörungen mit frühem Erwachen, Appetitmangel, Kopfschmerzen, Druck in Hals und Brust, Schwindel, Verspannungen oder Gedächtnisproblemen in die Praxis [1]. Wenn du so etwas schilderst, ist die Hausarztpraxis der Ort, an dem beides zusammen betrachtet wird. Sag dort ruhig offen, wie es dir seelisch geht, auch wenn du eigentlich wegen etwas anderem gekommen bist.

Was im Gespräch passiert

Am Anfang stehen Fragen: warum du gekommen bist, wie es dir geht und welche Beschwerden du gerade hast. Besteht der Verdacht auf eine Depression, soll die Ärztin gezielt nach den Haupt- und Zusatzsymptomen fragen, nach deren Dauer und danach, ob du so etwas schon einmal hattest. Manchmal bekommst du einen Fragebogen [2]. Die drei Hauptsymptome sind gedrückte Stimmung, Verlust von Interesse und Freude sowie Antriebsmangel mit schneller Erschöpfung. Von einer Depression sprechen Fachleute, wenn mindestens vier Symptome vorliegen, davon mindestens zwei Hauptsymptome, und die Beschwerden mindestens zwei Wochen anhalten [2].

Hausarzt in den Vierzigern hört einer Frau in den Dreißigern im Sprechzimmer aufmerksam zu
Bild: KI-generiert

Laut Patientenleitlinie ist dieses Gespräch das wichtigste Mittel, um eine Depression festzustellen und ihre Stärke einzuschätzen. Je offener und genauer du antwortest, desto besser gelingt das [2]. Zu einer vollständigen Abklärung gehört nach der NVL auch die Frage nach Suizidgedanken [1]. Manchmal hilft es, Angehörige oder enge Vertraute zu befragen, zum Beispiel bei älteren Menschen [2].

Ein allgemeines Screening aller Patientinnen und Patienten auf Depression hält die Leitliniengruppe nicht für sinnvoll, weil dann viele Menschen mit leichten, kurzen Beschwerden aufwendig untersucht würden. Bei Menschen mit Risikofaktoren soll die Hausarztpraxis eine Früherkennung aber anbieten. Dazu zählen frühere depressive Episoden, Depressionen oder bipolare Störungen in der Familie, aktuell belastende Lebensereignisse, Sucht und fehlende Unterstützung durch andere [1].

Körperliche Ursachen ausschließen

Depressive Beschwerden können auch körperliche Gründe haben, zum Beispiel Erkrankungen der Schilddrüse, bestimmte Hirnerkrankungen oder einige Autoimmunerkrankungen. Auch Medikamente können eine Depression auslösen oder verstärken, darunter einige blutdrucksenkende oder kortisonhaltige Mittel [2]. Die Patientenleitlinie rät deshalb, eine Liste aller Medikamente mitzubringen, auch der rezeptfreien, der Nahrungsergänzungsmittel und der pflanzlichen Mittel. Du kannst auch einfach die Packungen einstecken [2]. Im Gespräch geht es außerdem um andere Erkrankungen, um Ängste und darum, wie viel Alkohol du trinkst [2].

Weitere Untersuchungen wie Labor oder Bildgebung können laut NVL bei bestimmten Warnzeichen sinnvoll sein, etwa bei neuen neurologischen Ausfällen, ausgeprägten Einschränkungen von Denken und Gedächtnis, deutlichem Gewichtsverlust oder deutlicher Gewichtszunahme oder Fieber, die zeitlich mit der Depression zusammenfallen. Gleichzeitig warnt sie vor Überdiagnostik. Aufwendige oder belastende Untersuchungen soll die Ärztin deshalb mit dir abwägen und dabei bedenken, ob sich aus dem Ergebnis etwas für die Behandlung ändert [1].

Was die Hausarztpraxis selbst behandeln kann

Leichte bis mittelschwere Depressionen dürfen laut NVL nach gründlicher Diagnostik auch allein in der Hausarztpraxis behandelt werden [1]. Die Grundlage dafür heißt psychosomatische Grundversorgung. Die Psychotherapie-Richtlinie beschreibt sie als möglichst frühe Klärung, welche seelischen und körperlichen Anteile eine Erkrankung hat, und als Behandlung durch Gespräche oder Entspannungsverfahren wie Autogenes Training. Dazu gehört auch, zu erkennen, wann eine Psychotherapie nötig ist [4].

Bei einer leichten depressiven Episode empfiehlt die NVL zuerst Angebote mit niedriger Intensität, zum Beispiel angeleitete Selbsthilfe oder Gespräche, die psychotherapeutische Techniken nutzen. Antidepressiva sollen bei leichten Episoden nicht die erste Behandlung sein. Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine und verwandte Schlafmittel (Z-Substanzen) sollen bei leichten Episoden gar nicht eingesetzt werden, weil sich der Körper schnell an sie gewöhnt und ein dauerhafter Effekt auf die Depression nicht belegt ist [1]. Bei einer mittelgradigen Episode sollen Psychotherapie und Medikamente gleichwertig angeboten werden, bei einer schweren Episode empfiehlt die Leitlinie beides zusammen [1]. Hausärztinnen und Hausärzte können außerdem digitale Gesundheitsanwendungen verordnen, wenn diese im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte stehen [1]. Was die einzelnen Psychotherapie-Verfahren unterscheidet, erklärt der Ratgeber Psychotherapie: Welche Verfahren zahlt die Kasse?

Wann die Praxis überweist

Die NVL nennt Situationen, in denen eine rein hausärztliche Behandlung nicht mehr ausreicht. Die Tabelle fasst die wichtigsten zusammen.

Situation bei bisher rein hausärztlicher BehandlungEmpfohlene Überweisung oder AbstimmungBeleg
schwere, wiederkehrende oder chronische DepressionPsychiatrie, Psychotherapie oder Psychosomatik[1]
zusätzlich eine andere psychische ErkrankungPsychiatrie, Psychotherapie oder Psychosomatik[1]
keine Besserung unter Gesprächen oder Antidepressiva, spätestens nach 6 WochenPsychiatrie, Psychotherapie oder Psychosomatik[1]
psychotische SymptomePsychiatrie[1]
Antidepressiva und geplante oder bestehende SchwangerschaftPsychiatrie, Psychotherapie oder Psychosomatik sowie Frauenheilkunde[1]
Krankschreibung länger als 6 Wochen wird erwogenAbstimmung mit Psychiatrie, Psychotherapie oder Psychosomatik[1]

Braucht es schnell einen Facharzttermin, kann die Praxis eine dringliche Überweisung mit einem zwölfstelligen Code ausstellen. Mit diesem Code vermittelt dir die Terminservicestelle unter 116 117 einen Facharzttermin innerhalb von vier Wochen. Ohne Code gibt es diese Vier-Wochen-Vermittlung nicht [5]. Einen Termin für die psychotherapeutische Sprechstunde vermittelt die 116 117 ohne Überweisung, ebenfalls mit höchstens vier Wochen Wartezeit [5]. Wie du weiter vorgehst, wenn du einen Therapieplatz suchst, steht im Ratgeber Therapieplatz finden.

Wohin die Überweisung geht, hängt vom Bedarf ab. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten behandeln Depressionen jedes Schweregrads mit anerkannten Psychotherapie-Verfahren. Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie behandeln ebenfalls alle Schweregrade und können zusätzlich Medikamente verordnen und das ganze Spektrum der Diagnostik nutzen. Fachärztinnen und Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie behandeln vor allem Menschen, die neben der Depression eine körperliche Erkrankung haben [1]. In manchen Hausarztpraxen sind auch Medizinische Fachangestellte oder Pflegekräfte in die Betreuung eingebunden [2].

Krankschreibung bei psychischen Beschwerden

Bei einer Depression kannst du dich krankschreiben lassen wie bei jeder anderen Krankheit, und die Hausarztpraxis ist dafür eine Anlaufstelle. Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten dürfen keine Krankschreibung ausstellen. Welche Krankheit du hast, steht nicht auf der Bescheinigung. Nach einer längeren Krankschreibung kann die Hausarztpraxis mit dir einen Plan für die Wiedereingliederung erstellen [2].

Eine Krankschreibung kann entlasten. Die NVL weist aber darauf hin, dass gerade längere Krankschreibungen dazu beitragen können, dass eine Depression schlimmer oder chronisch wird, etwa weil die Tagesstruktur und Kontakte wegfallen. Eine Krankschreibung soll deshalb immer Teil einer Behandlung sein, mindestens mit unterstützenden Gesprächen oder aktivierender Begleitung. Zeichnet sich ab, dass sie länger als sechs Wochen dauert, empfiehlt die Leitlinie, Psychiatrie oder Psychotherapie einzubeziehen und früh über den beruflichen Wiedereinstieg zu sprechen [1]. Was bei Erschöpfung durch die Arbeit gilt, beschreibt der Ratgeber Krankschreibung bei Burnout.

So bereitest du den Termin vor

Schreib dir vorher auf, was dich belastet, seit wann, und welche Fragen du hast. Die Patientenleitlinie schlägt Fragen vor wie: Welche Behandlungen gibt es? Sind weitere Untersuchungen nötig, zum Beispiel Bluttests? Wann sollte eine Behandlung wirken [2]? Nimm die Medikamentenliste mit. Wenn du einen Selbsttest gemacht hast, etwa den Depressions-Test, kannst du das Ergebnis zeigen. Es ersetzt keine Diagnose, kann aber den Einstieg ins Gespräch erleichtern. Wie du ein auffälliges Ergebnis einordnest, beschreibt der Ratgeber Auffälliges Testergebnis: Wie geht es weiter?

Mann in den Sechzigern schreibt am Morgen am Küchentisch Notizen für seinen Arzttermin auf
Bild: KI-generiert

Wenn du möchtest, kann eine vertraute Person mitkommen. Die NVL empfiehlt, Angehörige in Aufklärung und Behandlung einzubeziehen, sofern du einverstanden bist [1]. Alles, was du in der Praxis erzählst, fällt unter die Schweigepflicht, und Gesundheitsdaten sind nach der Datenschutz-Grundverordnung besonders geschützt [2].

Alle geprüften Nummern stehen auf der Seite Hilfe finden.

  1. Leitlinie Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung Version 3.2. BÄK, KBV, AWMF (NVL-Programm). Stand 2022. abgerufen am 28.10.2026
  2. Leitlinie Patientenleitlinie Unipolare Depression, Version 3.0. BÄK, KBV, AWMF (NVL-Programm). Stand 2024. abgerufen am 28.10.2026
  3. Behörde Depression. Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de. Stand 04.04.2025. abgerufen am 28.10.2026
  4. Behörde Psychotherapie-Richtlinie (PT-RL), Abschnitt C Psychosomatische Grundversorgung, zuletzt geändert am 19.03.2026. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Stand 17.06.2026. abgerufen am 28.10.2026
  5. Organisation Termin beim Facharzt nach 4 Wochen: So vermittelt Sie die Nummer 116 117. Verbraucherzentrale Bundesverband. Stand 01.10.2024. abgerufen am 28.10.2026

Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.

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