Ratgeber
Kaufsucht: Wenn Einkaufen nicht mehr aufhört
Von Kaufsucht sprechen Fachleute, wenn der Kaufdrang kaum noch zu kontrollieren ist, Einkaufen vor allem gegen schlechte Gefühle hilft und trotz Streit, Scham oder Schulden weitergekauft wird. In bevölkerungsrepräsentativen Studien betrifft das rund 5 Prozent der Erwachsenen, Frauen und Männer ähnlich oft. Am besten untersucht ist eine kognitive Verhaltenstherapie in der Gruppe, erste Anlaufstellen sind Suchtberatung und kostenlose Schuldnerberatung.
Eine Kaufsucht entsteht nicht von heute auf morgen. Meist macht Einkaufen anfangs einfach Spaß und übernimmt mit der Zeit eine andere Aufgabe: Es soll negative Gedanken und Gefühle vertreiben und Einsamkeit oder ein geringes Selbstwertgefühl ausgleichen [7]. Irgendwann stapeln sich ungeöffnete Pakete, das Konto ist im Minus, und vor der Familie wird verheimlicht, was gekauft wurde. Diese Seite erklärt, woran Fachleute eine Kaufsucht erkennen, wie häufig sie ist, warum sie sich festsetzt und was hilft. Wie es um dein eigenes Kaufverhalten steht, kannst du mit dem Kaufsucht-Test einschätzen.
Was Kaufsucht ist
Fachleute sprechen von Kaufsucht, pathologischem Kaufen oder, in der englischen Forschung, von "compulsive buying-shopping disorder". Beschrieben wurde das Phänomen schon vor über 100 Jahren. Gemeint ist eine extreme gedankliche Beschäftigung mit Einkaufen, ein Kaufdrang, der als unwiderstehlich erlebt wird, und wiederholte Kaufexzesse, die Leid und Beeinträchtigungen nach sich ziehen. Versuche aufzuhören scheitern, obwohl die Betroffenen merken, dass ihnen die Kontrolle immer wieder entgleitet [1].
Mit gelegentlichen Frustkäufen ist das nicht gleichzusetzen. Entscheidend ist, dass sich der Drang zu kaufen nicht mehr kontrollieren lässt und dass die Gedanken ans Kaufen als störend und aufdringlich erlebt werden [7].
Als eigene Diagnose gibt es die Kaufsucht bisher nicht. Im Kodierwerkzeug der ICD-11, des Diagnosesystems der Weltgesundheitsorganisation, ist sie als Beispiel unter "andere näher bezeichnete Störungen der Impulskontrolle" genannt [4]. Viele Forschende halten die Einordnung als Verhaltenssucht für passender, also in dieselbe Gruppe wie die Glücksspielstörung [1]. Eine Studie aus dem Jahr 2026 stützt das: Menschen mit pathologischem Kaufen unterschieden sich von Menschen mit riskantem und unproblematischem Kaufverhalten durch mehr Leid, einen geringeren Selbstwert und mehr Angst- und Depressionsbeschwerden [12]. Was eine Verhaltenssucht ausmacht, erklärt das Glossar unter Verhaltenssucht.
Woran Fachleute eine Kaufsucht erkennen
2021 haben 138 Fachleute aus 35 Ländern in einer mehrstufigen Delphi-Befragung Merkmale für eine künftige Diagnose zusammengetragen [2]. Einig waren sie sich über sieben Punkte, die wiederholt und anhaltend auftreten:

- ein aufdringlicher oder unwiderstehlicher Kaufdrang, Verlangen oder ständige Gedanken ans Kaufen,
- eine verminderte Kontrolle über das Einkaufen,
- übermäßiges Kaufen von Dingen, die dann nicht für ihren Zweck benutzt werden,
- Einkaufen, um innere Zustände wie Stimmung oder Anspannung zu regulieren,
- negative Folgen und Einschränkungen in wichtigen Lebensbereichen,
- Beschwerden im Gefühl und im Denken, wenn das Einkaufen wegfällt,
- Weitermachen oder Steigern trotz der negativen Folgen [2].
Zusätzlich sahen die Fachleute einen Hinweis vor, wenn gekaufte Dinge in großen Mengen gehortet werden [2]. Eine Interviewstudie mit 51 Menschen, die eine Kaufsucht erlebt haben, fand fünf Merkmale bei den meisten Befragten: ein anhaltendes, übermäßiges Kaufmuster, verminderte Kontrolle, Kaufen zur Stimmungsregulation, deutliches Leid mit Einschränkungen und Weitermachen trotz Folgen. Ständige Gedanken ans Kaufen, das Bedürfnis nach immer mehr und Beschwerden beim Aufhören waren seltener. Die Forschenden schlagen vor, diese drei als zusätzliche, nicht zwingende Merkmale zu führen [3].
Im Alltag zeigt sich das oft ganz konkret. Neue Sachen werden gekauft, obwohl sie nicht gebraucht werden, oder sie verlieren nach kurzer Zeit ihren Reiz. Einkäufe bleiben ungeöffnet liegen, während der nächste schon geplant ist, und vor Freunden und Angehörigen wird verheimlicht, wie viel gekauft wurde [7].
Wie häufig Kaufsucht ist
Die Zahlen schwanken je nach Fragebogen, Zeitraum und Stichprobe stark. Die neueste Auswertung von 111 Studien aus 32 Ländern schätzt den Anteil in bevölkerungsrepräsentativen Stichproben Erwachsener auf 4,6 Prozent, mit mäßiger Sicherheit der Daten. In repräsentativen Stichproben fand sie keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern [5].
| Studie | Wer befragt wurde | Anteil mit Kaufsucht |
|---|---|---|
| Auswertung von 111 Studien (2026) | repräsentative Stichproben Erwachsener | 4,6 Prozent [5] |
| Auswertung von 111 Studien (2026) | Studierende und junge Erwachsene | 9,2 Prozent [5] |
| Auswertung von 111 Studien (2026) | Online-Stichproben | 5,9 Prozent [5] |
| Auswertung von 40 Studien (2016) | repräsentative Stichproben Erwachsener | 4,9 Prozent [15] |
| Repräsentative Befragung Deutschland (2010) | 2.350 Erwachsene | 6,9 Prozent [6] |
In der deutschen Befragung lagen Frauen und Männer mit 6,9 und 6,8 Prozent fast gleichauf, und je jünger die Befragten waren, desto häufiger zeigte sich eine Kaufsucht [6]. Auch eine Übersichtsarbeit nennt jüngere Menschen als anfälliger, und europäische Daten deuten dort auf eine Zunahme in den letzten 20 Jahren hin [16]. Die Studie von 2016 fand ebenfalls mehr Kaufsucht bei jungen Menschen und zusätzlich bei Frauen [15].
Warum Kaufen zur Falle werden kann
Viele Betroffene kaufen, um sich besser zu fühlen. Die Abteilung Sucht des Kantons Basel-Stadt beschreibt, wie das Einkaufen kurzfristig negative Gedanken und Gefühle vertreibt und Einsamkeit oder ein geringes Selbstwertgefühl ausgleicht. Weil das so gut funktioniert, wird immer öfter eingekauft, während es den Betroffenen auf Dauer schlechter geht. Die Scham und die Schuldgefühle danach werden mit dem nächsten Einkauf verdrängt, und daraus entsteht oft ein Teufelskreis [7]. Einschneidende Ereignisse wie eine Trennung, der Verlust der Arbeit oder der Tod eines nahestehenden Menschen können eine Kaufsucht auslösen oder verstärken [7].
Das Umfeld macht es leicht. Werbung, Einkaufsstraßen und Online-Shops bieten ständig Gelegenheiten, und Kauf auf Rechnung, Kredit- und Kundenkarten oder Ratenzahlung laden zu Spontankäufen ein, bei denen das verfügbare Geld aus dem Blick gerät [7]. In einer Auswertung von 122 Patientinnen und Patienten mit Kaufsucht zeigte ein Drittel auch Merkmale einer Online-Kaufsucht. Diese Personen waren eher jünger und hatten stärkere Angst- und Depressionsbeschwerden [9].
Oft steht die Kaufsucht nicht allein. Bei Menschen, die wegen einer Kaufsucht in Behandlung kamen, hatten fast 90 Prozent im Lauf ihres Lebens mindestens eine weitere psychische Erkrankung, am häufigsten affektive Störungen wie eine Depression (74 Prozent) und Angststörungen (57 Prozent) [8]. Bei Menschen mit einer Essstörung zeigte eine Auswertung von 35 Studien in 19 Prozent der Fälle zusätzlich ein krankhaftes Kaufverhalten [14]. Wenn du dich häufig niedergeschlagen fühlst, kann der Depressions-Test ein erster Schritt sein.
Welche Folgen Kaufsucht hat
Die Folgen reichen weit über das Konto hinaus. Fachleute nennen eine geringere Lebensqualität, Streit in der Familie, Probleme bei der Arbeit, finanzielle Schwierigkeiten und weitere psychische Erkrankungen [1]. Wenn das Geld nicht mehr für Miete, Krankenkasse oder Steuern reicht, leihen sich viele Betroffene Geld oder kaufen auf Raten, und aus überzogenen Konten können Zwangsvollstreckungen bis hin zur Zahlungsunfähigkeit werden [7].
Psychisch belastet die Kaufsucht ebenso. Auf einen Einkauf folgen oft Scham, Reue und Selbstvorwürfe. Stundenlanges Stöbern im Internet kann den Schlaf rauben, und die ständige Beschäftigung mit dem Kaufen und der Streit mit anderen verursachen Stress. Mögliche Folgen sind gedrückte Stimmung, Konzentrationsprobleme, Ängste, Schlafprobleme oder mehr Alkohol und Zigaretten [7]. Hobbys, Familie, Freunde und die Arbeit treten in den Hintergrund [7].
Was gegen Kaufsucht hilft
Am besten untersucht ist die kognitive Verhaltenstherapie in der Gruppe. Eine systematische Übersicht über 13 Behandlungsstudien kam 2023 zu dem Schluss, dass sie die Beschwerden der Kaufsucht zu verringern scheint [4]. In einer kleinen Studie mit 56 Teilnehmenden schnitt die Gruppentherapie besser ab als eine telefonisch begleitete Selbsthilfe und als eine Wartegruppe. Wer die Selbsthilfe nutzte, kam tendenziell besser zurecht als die Wartegruppe [13]. Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und ein weiteres Medikament waren in kontrollierten Studien nicht besser als ein Scheinmedikament [4]. Die Übersicht weist auch auf Schwächen hin: Viele Studien waren methodisch schwach, und keine befasste sich mit der Online-Kaufsucht [4].

Ein erster Schritt ist ein Gespräch in einer Suchtberatungsstelle. Das Suchthilfeverzeichnis der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen hilft bei der Suche nach Ort und Thema [11]. Weitere Anlaufstellen und die Sucht & Drogen Hotline stehen auf der Seite Hilfe finden.
Wenn Schulden da sind, hilft eine Schuldnerberatung. Seriöse Schuldnerberatung ist kostenlos. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen rät, sich möglichst früh an eine anerkannte Stelle zu wenden, und warnt vor Anbietern, die Versprechungen nicht einhalten und unangemessene Gebühren verlangen [10].
Im Alltag empfiehlt die Abteilung Sucht in Basel einige Gewohnheiten, die problematisches Kaufen bremsen können [7]:
- vor dem Einkaufen nachsehen, was du schon zu Hause hast, und eine Einkaufsliste mit Budget schreiben,
- nur mit wenig Bargeld losgehen und Bank- und Kreditkarten zu Hause lassen,
- Kaufentscheidungen überschlafen und Waren zurücklegen lassen,
- Schlussverkäufe, Rabattaktionen und spontane Einkäufe meiden,
- im Geschäft und online nur in Begleitung einkaufen,
- die freie Zeit mit anderen Beschäftigungen füllen.
Wenn ein Angehöriger kaufsüchtig ist
Angehörige merken oft als Erste, dass etwas nicht stimmt, und tragen viel mit. Kaufsucht führt häufig zu Streit über vernachlässigte Pflichten, das ausgegebene Geld und die Zeit, die das Kaufen kostet. Weil Betroffene ihre Probleme oft verheimlichen, kommt es zu Rückzug und seelischer Belastung, und Unterstützung durch eine Beratungsstelle kann helfen [7]. Wie du helfen kannst, ohne dich selbst zu überfordern, beschreibt der Ratgeber Co-Abhängigkeit. Wenn statt Einkaufen eher Wetten oder Automaten das Problem sind, lies den Ratgeber Spielsucht: Anzeichen erkennen und Hilfe finden.
- Studie Buying-shopping disorder: is there enough evidence to support its inclusion in ICD-11? CNS Spectrums 24(4):374 bis 379. Müller A, Brand M, Claes L, Demetrovics Z, de Zwaan M, Fernández-Aranda F, Frost RO, Jimenez-Murcia S, Lejoyeux M, Steins-Loeber S, Mitchell JE, Moulding R, Nedeljkovic M, Trotzke P, Weinstein A, Kyrios M. Stand 08/2019. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Proposed diagnostic criteria for compulsive buying-shopping disorder: A Delphi expert consensus study. Journal of Behavioral Addictions 10(2):208 bis 222. Müller A, Laskowski NM, Trotzke P, Ali K, Fassnacht DB, de Zwaan M, Brand M, Häder M, Kyrios M. Stand 2021. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Evaluating diagnostic criteria for compulsive buying-shopping disorder. Psychology of Addictive Behaviors (online vor Druck). Ni N, Jones SB, David J, Müller A, Norberg MM. Stand 08.06.2026. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Update on treatment studies for compulsive buying-shopping disorder: A systematic review. Journal of Behavioral Addictions 12(3):631 bis 651. Müller A, Laskowski NM, Thomas TA, Antons S, Tahmassebi N, Steins-Loeber S, Brand M, Georgiadou E. Stand 07/2023. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Updated global prevalence estimates of compulsive buying-shopping disorder: Systematic review and meta-analysis with sex/gender-specific analyses. Journal of Behavioral Addictions (online vor Druck). Laskowski NM, Schaar P, Ballero Reque C, Tetzlaff BO, Brandt G, Müller A, Paslakis G. Stand 09.10.2026. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Estimated prevalence of compulsive buying in Germany and its association with sociodemographic characteristics and depressive symptoms. Psychiatry Research 180(2 bis 3):137 bis 142. Mueller A, Mitchell JE, Crosby RD, Gefeller O, Faber RJ, Martin A, Bleich S, Glaesmer H, Exner C, de Zwaan M. Stand 12/2010. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Factsheet Kaufsucht: Wenn das Kaufverhalten ausser Kontrolle gerät. Gesundheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt, Abteilung Sucht. Stand 01/2022. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Latent profile analysis and comorbidity in a sample of individuals with compulsive buying disorder. Psychiatry Research 178(2):348 bis 353. Mueller A, Mitchell JE, Black DW, Crosby RD, Berg K, de Zwaan M. Stand 07/2010. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Online shopping in treatment-seeking patients with buying-shopping disorder. Comprehensive Psychiatry 94:152120. Müller A, Steins-Loeber S, Trotzke P, Vogel B, Georgiadou E, de Zwaan M. Stand 10/2019. abgerufen am 28.10.2026
- Organisation Seriöse Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstellen. Verbraucherzentrale Niedersachsen e. V.. Stand 17.04.2025. abgerufen am 28.10.2026
- Fachgesellschaft Suchthilfeverzeichnis. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Empirical support for recognizing pathological buying/shopping as a mental disorder. Comprehensive Psychiatry 146:152673. Müller A, Brand M, Thomas TA, Kessling A, Schmid AM, Jiménez-Murcia S, Wegmann E, Müller SM, Steins-Loeber S. Stand 03/2026. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Cognitive-behavioural group therapy versus guided self-help for compulsive buying disorder: a preliminary study. Clinical Psychology and Psychotherapy 20(1):28 bis 35. Müller A, Arikian A, de Zwaan M, Mitchell JE. Stand 2013. abgerufen am 28.10.2026
- Studie The Prevalence of Impulse Control Disorders and Behavioral Addictions in Eating Disorders: A Systematic Review and Meta-Analysis. Frontiers in Psychiatry 12:724034. Devoe DJ, Anderson A, Bahji A, Singh M, Patten SB u. a.. Stand 06.01.2022. abgerufen am 28.10.2026
- Studie The prevalence of compulsive buying: a meta-analysis. Addiction 111(3):408 bis 419. Maraz A, Griffiths MD, Demetrovics Z. Stand 03/2016. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Compulsive buying. American Journal on Addictions 24(2):132 bis 137. Müller A, Mitchell JE, de Zwaan M. Stand 03/2015. abgerufen am 28.10.2026
Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.
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